Allein gelassen und verletzt

Ich hoffe, ihr hattet einen guten Start in das neue Jahr und seid, wie ich, im Alltag zurück.

Trauriges Mädchen

Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, kommen leider auch ein paar unschöne Emotionen auf. Einige meiner besten Freunde und Unterstützer aus der wirklich schwierigen und anstrengenden Zeit meiner Therapie haben jetzt, in den besseren Zeiten, irgendwie sehr wenig oder gar keine Zeit mehr für mich.

 

Mit einem 100-Prozent-Arbeitspensum bleibt mir nur wenig Freizeit. Diese würde ich natürlich sehr gern auch mit meinen Freunden teilen - zum reden und lachen oder um über das Leben zu philosophieren. Die Beschränkung auf Kurznachrichten in den sozialen Netzwerken ist mir zu wenig. Es mag vielleicht auch ein wenig daran liegen, dass ich meinen Arbeitsort gewechselt habe und die alten Kollegen nicht mehr täglich sehe. Da gehen Kontakte verloren, ganz nach dem Motto "aus den Augen, aus dem Sinn".

Doch egal, wie ich es anstelle, sie haben keine Zeit, obwohl ich jetzt viel einfacher zu händeln bin als in den Tagen meiner Chemotherapie. Manchmal fürchte ich, meine Nachfragen könnten anfangen zu nerven und es fällt mir immer schwerer, Absagen gelassen hinzunehmen. Es tut einfach nur weh, wenn das Gefühl aufkommt, ein wenig vergessen und allein gelassen zu werden.

Wenn ihr Tipps für mich habt, meldet euch. Ich brauche dringend euren Rat!

Sorry!!!

Wahrscheinlich haben die meisten meiner treuesten Leserinnen längst aufgegeben, meinen Blog weiterzuverfolgen. Ich verstehe das! Aber gerade deshalb möchte ich mich ganz herzlich und mit einem schlechten Gewissen bei euch dafür entschuldigen, dass ihr von mir in den letzten Monaten nichts mehr lesen konntet.

Inzwischen bin ich vollumfänglich wieder in meinem "alten" Leben vor dem Krebs angekommen. Das ist ganz sicher gut so und macht hoffentlich auch einige unter meinen Mitstreiterinnen etwas zuversichtlicher. Sicher, manches hat sich auch geändert. Ich achte stärker auf meine Ernährung, gehe fleißiger denn je schwimmen und versuche, mehr auf mich zu achten. Das ist nicht immer leicht, weil ich beruflich wieder sehr stark eingebunden bin. Aber genau das macht mir auch sehr viel Spaß.

Ich vergesse immer öfter, dass ich die Krebskillerin bin und habe nur noch sehr wenig Zeit zum Bloggen. Mir fehlen auch ein bisschen die Ideen, denn in meinem Alltag spielt der Krebs tatsächlich kaum noch eine Rolle. Also, es geht mir gut. Und ja, André und ich genießen unser gemeinsames Leben.

Einige meiner ehemaligen Freunde und Unterstützer sind weit weg und wir haben uns leider nicht wiedergefunden. Meine vielleicht nervigen Nachfragen wurden mir zunehmend unangenehm und deshalb auch seltener. Ich habe es aufgegeben. In meinem Alter ist es nicht gerade leicht, neue Freunde zu finden. Am einfachsten wäre das wahrscheinlich in Verbindung mit der Arbeit. Dazu müsste ich viel Zeit investieren, womit wir wieder bei dem alten Problem wären.

Ich will es aber auf keinen Fall versäumen, euch noch einen Film ans Herz zu legen. Die wunderbare und schöne Charlize Theron und der sympathische Seth Rogen brillieren in einem Märchen für Erwachsene. Wer "Pretty Woman" kennt und liebt, wird auch diesen Film lieben: Long Shot - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich (USA, 2019).

Ihr werdet das Kino verzückt und gut gelaunt verlassen. Versprochen! Und Charlize, liebe Ladys, versprüht so viel Frauenpower, dass es für uns alle reicht. Genau das ist es doch, was wir am meisten brauchen ...

Endlich Frühling!

Kommt es euch auch gerade so vor, als würde man aus einem langen Winterschlaf erwachen? Der Frühling hat begonnen! Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen. Es ist alles so hell und freundlich - wunderbar! Irgendwie geht es mir gleich besser.
Kaffeetasse

Ich habe eine Neuentdeckung für euch, die ich auch in meine Linksammlung aufnehmen werde.

In der Schweiz gibt es Europa Donna, eine Organisation von Brustkrebs-Betroffenen, Ärztinnen, Politikerinnen und anderen Persönlichkeiten. Hier könnt ihr euch Rat holen, als Mitglied selbst aktiv werden oder für Betroffene spenden. Vielleicht findet ihr Mitstreiterinnen mit ähnlichen Sorgen, mit denen ihr euch über eure Probleme austauschen könnt. Und vielleicht hilft euch das, neue Kräfte freizusetzen. Für unsere Kämpferinnen in der Schweiz gibt es sogar ein gemütliches Beisammensein bei Kaffee und Kuchen.

Fünfter Jahrestag

Fünf Jahre sind nun schon vergangen, seitdem ich meine schockierende Diagnose erhielt. Der Tumor konnte bereits in einem sehr frühen Stadium restlos entfernt werden - operativ, mit einer Chemotherapie und zahlreichen Bestrahlungen.

Nicht einmal wenn danach keinerlei Metastasen nachweisbar sind, gibt es eine Garantie, dass der Krebs nie wieder zurückkehren wird. Deshalb sollte man alle angebotenen Nachsorge-Untersuchungen unbedingt wahrnehmen! Für mich war es jedes Mal wieder ein unglaublich erleichterndes Gefühl, mit einem negativem Ergebnis (also einem "Wieder nichts Schlimmes!") nach Hause gehen zu dürfen.

Nach wissenschaftlichen Studien sinkt das Risiko, dass der triple-negative Krebs streut oder zurückkommt, mit jedem Jahr, dass ich krebsfrei bleibe. Fünf Jahre nach der Tumorentfernung ist das Risiko nur noch so groß, wie bei Frauen, die noch nie an Brustkrebs erkrankt waren. Das heißt also, ich darf mich jetzt als vollständig geheilt ansehen. Der Satz "Ich bin gesund!" geht mir aber nur schwer über die Lippen. Zu stark sind die kleinen (gefühlten) Restzweifel. Im Oktober werde ich ein letztes PET-CT bekommen und damit hoffentlich auch die offizielle Bestätigung, dass alles okay ist.

Auch in Corona-Zeiten: Volle Kraft voraus!
Auch in Corona-Zeiten: Volle Kraft voraus!

Die großen Ängste, die mal meinen Alltag bestimmten, sind aber jetzt schon gewichen. In meinem Leben 2.0 ist dafür gar kein Platz. Ich habe immer noch die gleichen Hobbys, die mir genau so viel Spaß machen und Abwechslung bringen wie schon vor der Diagnose. Mein alter Job als Anästhesistin ist mir immer noch wahnsinnig wichtig. Vielleicht hat sich durch die selbst gemachten Erfahrungen meine Sichtweise auf die Patienten und ihre vielfältigen medizinischen Probleme noch ein wenig mehr sensibilisiert. Nur in meinem Freundeskreis hat es ein paar Verschiebungen gegeben. Ein neues Gleichgewicht hat sich inzwischen eingestellt, das so, wie es jetzt ist, absolut in Ordnung ist!

Und was ist aus den kleinen Nebenwirkungen geworden, die mir mal mehr und mal weniger auf die Nerven gingen? Die Hitzewellen kommen seltener und die Zehen 3 bis 5 im linken Fuß sind immer noch etwas taub. Egal! Damit kann ich sehr gut leben.

Alles in allem bin ich also ein rundum glücklicher und zufriedener Mensch!

Alles oder nichts

Endlich: mein letztes Nachsorge-PET-CT fünf Jahre nach der Diagnosestellung! Es ist schwierig zu beschreiben, was ich in den Tagen unmittelbar davor fühlte. Werde ich doch noch eine böse Überraschung erleben und der Krebs ist zurück? Ein erholsamer Schlaf war nicht mehr möglich. Ich lag oft lange wach und war tagsüber unruhig und getrieben. Nur das Schwimmen half mir, meine Emotionen zu bändigen und zwischenzeitlich auf andere Gedanken zu kommen.
Am Montag ging ich in die Nuklearmedizin - mit wackeligen Knien und dem drohenden Albtraum vor Augen: Diagnose, Chemo, Haarverlust, Bestrahlungen, Müdigkeit, Schmerzen, Appetitlosigkeit, ... André war auch diesmal wieder an meiner Seite, konnte mir aber nicht wirklich die Angst nehmen.
Das CT war kein Problem, umso mehr das zwei Tage lange Warten auf das Ergebnis. Ich überbrückte die Zeit mit Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten, Schwimmen und gemütlichen Stunden mit André. Dann kam endlich der alles entscheidende Mittwoch. Frau Dr. O. begrüßte mich sehr nett und mit einem strahlenden Lächeln:
"Ich habe gute Nachrichten!"

André hatte es genau so erwartet und ich hatte es zumindest so erhofft. Trotzdem fühlte ich erst mal ... nichts. Ich war wie betäubt. Was passiert jetzt? Wie geht es weiter? Sollte ich jetzt nicht aus Freude die ganze Welt umarmen? So richtig begriffen habe ich alles erst viel später.

Auf dem langen und steinigen Weg zurück in den normalen Alltag habe ich wohl jetzt endgültig das Ziel erreicht. Zumindest ist die Zeit der Therapie vorbei. Um die allerletzten Zweifel und das letzte bisschen Angst endgültig hinter mir zu lassen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. André und ich haben gleich am selben Tag noch gefeiert: "The Greatest Day Of My Life".
Blumen für Frau Dr O.

Vielen Dank, liebe Frau Dr. O., dass Sie fünf Jahre lang, während der tiefsten Krise meines Lebens, mir so viel Mut und Kraft gegeben haben und jederzeit für mich da waren, wann immer ich Sie brauchte!